Natur ohne Schutz?

"»In Jedem Geschöpf der Natur lebt das Wunderbare (Aristoteles)« – Warum mangelt es dem Naturschutz an gesellschaftlicher Anerkennung?"- Unter diesem Motto diskutierten Experten aus Politik und Naturschutzorganisationen bei den 23. Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung. Sie waren sich einig: Die Probleme sind gewaltig, die Zeit drängt, aber es ist noch nicht zu spät!

Berlin, 10. Mai 2019
Diskutierten über die gesellschaftliche Bedeutung des Naturschutzes (v.l.n.r.): Senator e.H. Claus-Peter Hutter (Präsident der Stiftung NatureLife International), Ursula Heinen-Esser (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen), Dr. Lutz Spandau (Vorstand der Allianz Umweltstiftung), Hannes Jaenicke (Schauspieler und Umweltaktivist), Dr. Christof Schenck (Geschäftsführer Zoologische Gesellschaft Frankfurt) und Dr. Norbert Schäffer (1. Vorsitzender des LBV).
Diskutierten über die gesellschaftliche Bedeutung des Naturschutzes (v.l.n.r.): Claus-Peter Hutter (Präsident der Stiftung NatreLife International), Ursula Heinen-Esser (Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen), Dr. Lutz Spandau (Vorstand der Allianz Umweltstiftung), Hannes Jänicke (Schauspieler und Umweltaktivist), Dr. Christof Schenck (Geschäftsführer Zoologische Gesellschaft Frankfurt) und Dr. Norbert Schäffer (1. Vorsitzender des LBV).
Dr. Klaus Wehmeier, Kuratoriumsvorsitzender der Allianz Umweltstiftung, begrüßte die Gäste in den alt-ehrwürdigen Mauern des Klosters Benediktbeuern.

Düstere Prognose

"Jeden Tag sterben auf der Welt Tier- und Pflanzenarten aus. Auch in Deutschland werden einige Arten, wie beispielsweise der Feldhase, die Feldlerche oder bestimmte Fledermausarten bald ganz verschwinden, wenn sie nicht besser geschützt werden." Mit dieser düsteren Prognose begrüßte Dr. Klaus Wehmeier, Kuratoriumsvorsitzender der Allianz Umweltstiftung, am Freitag den 3. Mai 2019 etwa 350 Gäste im Allianz Saal des Klosters Benediktbeuern in Oberbayern. Allerdings gebe es auch Anlass zur Hoffnung, so Wehmeier. Das erfolgreiche Volksbegehren zum Artenschutz in Bayern zeige, dass es einem beachtlichen Teil der Bevölkerung mit dem Naturschutz zu langsam vorangehe.

"»In Jedem Geschöpf der Natur lebt das Wunderbare (Aristoteles)« – Warum mangelt es dem Naturschutz an gesellschaftlicher Anerkennung?"- zu diesem Thema diskutierten anschließend Ursula Heinen-Esser, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer Zoologische Gesellschaft Frankfurt, Senator e.H. Claus-Peter Hutter, Präsident der Stiftung NatureLife International und Leiter der Akademie für Natur und Umweltschutz Baden-Württemberg, Dr. Norbert Schäffer, 1. Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. (LBV) sowie Hannes Jaenicke, Schauspieler und Umweltaktivist unter der Leitung von Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, über die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen im Naturschutz – und wie diesen am besten begegnet werden kann.

 

Stiftungsvorstand Dr. Lutz Spandau führte in das Symposium ein und moderierte die Diskussion.

Übertriebener Naturschutz?

In seiner Einführung in das Symposium ging Dr. Lutz Spandau auf zwei aktuelle Naturschutzthemen ein. Zwar hätten 1,8 Millionen Personen in kürzester Zeit das Volksbegehren Artenvielfalt "Rettet die Bienen" unterschrieben und es damit zum erfolgreichsten Volksbegehren in der Geschichte Bayerns gemacht. "Aber hat dies zur gesellschaftlichen Akzeptanz des Naturschutzes beigetragen? Ist es wirklich nötig, die Bienen zu retten? Fakt ist, dass der Naturschutz ´mal wieder die Gemüter erhitzt – die Bauern wehren sich vehement dagegen, für den Insektenschwund verantwortlich gemacht zu werden," so Spandau.

Auch die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland Wolf entzweie die Republik. Fast täglich würden gerissene Schafe gemeldet. Verängstigte Menschen forderten den Abschuss von Wölfen, die als bedrohte Tierart unter besonderem Schutz stehen. "Wie gefährlich ist der Wolf tatsächlich für den Menschen? Übertreiben wir es mit dem Naturschutz? Gefährdet zu viel Naturschutz am Ende unsre Landwirtschaft?", fragte er.

Ursula Heinen-Esser, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, beteiligte sich nicht am "Landwirtschaftsbashing".

Mutige Politik nötig

Ursula Heinen-Esser wollte sich nicht am üblichen "Landwirtschaftsbashing" beteiligen. Sie wies stattdessen auf ein zwiespältiges Verhalten der Verbraucher hin: Umfragen zufolge sprächen sich zwar 90% der Verbraucher für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft aus, lediglich 8% träfen aber tatsächlich entsprechende Kaufentscheidungen. Um den Herausforderungen zu begegnen, die sich im Naturschutz abzeichneten, werde Heinen-Esser zufolge eine mutige Politik gebraucht. Dass dieser Mut auch belohnt werde, zeige das erfolgreiche Volksbegehren in Bayern. Gleichzeitig sei aber auch jeder Einzelne gefragt, ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln und vor allem in Handel umzusetzen. "Die Zeiten dafür sind so gut, wie nie zuvor," sagte die Ministerin.

Dr. Christof Schenck, Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, machte die Dramatik des Artensterbens deutlich.

Krise nicht erfasst

Wie dringend entschlossenes Handeln in Sachen Naturschutz sei, machte Dr. Christof Schenck deutlich. Er zeigte bedrohte Schutzgebiete und Arten weltweit, aber auch bei uns in Deutschland, und verwies auf den aktuellen Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES. Danach seien 50% aller Arten vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den nächsten Jahrzehnten. Dabei sei diese Krise in ihrem Umfang und den Konsequenzen bisher nicht ansatzweise erfasst, weder von der Politik noch von den Verbrauchern.

Als Konsequenz forderte Schenck einerseits entsprechendes Handel jedes Einzelnen, denn "wir entscheiden jeden Tag, wie wir uns fortbewegen, welche Energie wir nutzen, was wir konsumieren und welche Naturschutzprojekte wir unterstützen." Von Staat und Politik wünschte er sich mehr Schutzgebiete, einen nachhaltigen Schutz dieser Gebiete sowie entsprechende gesetzliche Vorgaben, denn, so Schenck, "wir haben nur eine Erde und es liegt nur an uns, damit richtig umzugehen."

Senator e.H. Claus-Peter Hutter, Präsident der Stiftung NatureLife International und Leiter der Akademie für Natur und Umweltschutz Baden-Württemberg, forderte mehr Bildungsempathie.

Mangelhafte Dialogfähigkeit

Claus-Peter Hutter beklagte eine weitreichende Wissenserosion in Sachen Natur und Umwelt. Kinder würden heute mehr Handy-Apps als Vogelstimmen kennen und Biologie sei als eigenständiges Schulfach oft abgeschafft. Die Folge sei mangelnde Wertschätzung für den Natur- und Artenschutz. Zudem  seien viele Naturschutzkonzepte zu starr und unflexibel und träfen deshalb oft auf Unverständnis.

Schuld an dieser Situation seien auch die Naturschützer selbst. "Der klassische Umwelt- und Naturschutz bewegt sich in einer Blase. Wir sind nicht wirklich dialog- und partnerschaftsfähig. Wir sagen nur, wie etwas nicht gehen soll und haben versäumt, auch zu sagen, wie es gehen könnte." Und weiter: "Selbstverliebt lassen wir uns zu oft ablenken, dabei wissen wir genug, um zu handeln," so Hutter. Als Lösung empfiehlt er: "Wir brauchen mehr Bildungsempathie, wir müssen Nicht-Naturschützer für uns gewinnen und ansprechen."

Hannes Jänicke, Schauspieler und Umweltaktivist, wirft der Poliik erschreckende Untätigkeit vor.

Rabatz gegen Untätigkeit

Hannes Jänicke berichtete in einem Gespräch mit Dr. Spandau von seinem Werdegang in Sachen Umweltschutz. Er stamme aus der frühen Generation von "Greenpeacern", die mit spektakulären Aktionen auf die Verschmutzung des Rheins aufmerksam gemacht und damit viel erreicht habe. Die Entwicklung des Rheins von einem stark verschmutzten Fluss zu einem Gewässer mit guter Qualität ist für Jaenicke "das" Beispiel dafür, dass etwas gerettet werden kann, "dass wir als Natur- und Umweltschützer viel erreichen können, wenn wir uns mit Politik, Industrie und Verbrauchern an einen Tisch setzen."

Mit der aktuellen Politik ging Jaenicke hart ins Gericht. Sie mache viele Fehler und versage bei der Gesetzgebung. Mit seinen Filmen und Aktionen wolle er die Politik dazu bringen, die Gesetze zu ändern. Er forderte eine CO2- und Plastiksteuer und erklärte: "Die Politik ist von erschreckender Untätigkeit, deshalb mache ich Rabatz."

Als Positivbeispiel nannte Jaenicke Costa Rica. Der Inselstaat plane, bis 2023 CO2-neutral zu sein, erlaube Plastikbecher nur, wenn sie kompostierbar seien, und habe Plastikstrohhalme verboten. Auch Kalifornien und Neuseeland zeigten, dass durch entsprechenden politischen Willen in Sachen Umwelt- und Naturschutz viel erreicht werden könne. In Deutschland böten das erfolgreiche Artenschutz-Volksbegehren in Bayern und die Friday-for-Future-Aktivitäten Grund zu Optimismus.

Dr. Norbert Schäffer, 1. Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e. V. (LBV), bezeichnte das erfolgreiche Artenschutz-Volksbegehren in Bayern als "Notbremse".

Erfolgreiches Volksbegehren

Im Rahmen der Diskussion wehrte sich Dr. Norbert Schäffer gegen den Vorwurf, bei dem von seinem Verband mit unterstützten Volksbegehren zum Artenschutz in Bayern hätten die Bewohner der Städte dem gesamten Bundesland ihren Willen aufgezwungen. Vielmehr habe das Volksbegehren in allen 96 Landkreisen und freien Städten die 10%-Hürde genommen. "Die Menschen in Bayern insgesamt wollen mehr Natur- und Artenschutz," bilanzierte Schäffer. Ausgangspunkt für das Volksbegehren sei die dramatische Situation in den landwirtschaftlich genutzten Regionen gewesen. In den letzten 40 Jahren habe man hier 50% der biologischen Vielfalt verloren. Deshalb sei mit dem Volksbegehren die Notbremse gezogen worden.

Gruß aus dem All

Nach einer lebhaften Diskussion der Experten untereinander und mit dem Publikum beendete Dr. Lutz Spandau die 23. Bendiktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung mit der "Nachricht an meine Enkelkinder". Diese hatte der deutsche Astronaut Alexander Gerst zum Ende seines letzten Aufenthalts auf der Internationalen Raumstation ISS als Videobotschaft auf die Erde geschickt. Unter anderem heißt es dort: "Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden. … Ich hoffe sehr für euch, dass wir noch die Kurve kriegen … und ich würde mir wünschen, dass wir nicht bei euch als die Generation in Erinnerung bleiben, die eure Lebensgrundlagen egoistisch und rücksichtslos zerstört hat."

Geparden und Volksmusik

Die Benediktbeurer Gespräche hatten am Donnerstagabend mit dem Film "Im Einsatz für Geparden" von Hannes Jaenicke offiziell begonnen. Für den musikalischen Abschluss des Abends sorgte "Oansno", eine Band aus vier Münchner Innenstadtmusikanten, die sich selbst als Grenzgänger zwischen Volksmusik und Partyszene bezeichnen. In traditioneller Volksmusikinstrumentierung begeisterten sie die Gäste der Allianz Umweltstiftung mit einer Mischung aus Reggae, Balkan und Techno.