Bilanz im Wald

Lernort Natur – so lautet ein Projekt zur Berufsorientierung im Landkreis Barnim. Seit 2015 haben sich zahlreiche Heranwachsende in grünen Berufen bewährt und sich damit Berufs- sowie Ausbildungschancen erarbeitet. Auch Geflüchtete waren in das von der Allianz Umweltstiftung unterstütze Projekt eingebunden. Zum Projektabschluss zogen die Verantwortlichen nun Bilanz.

Berlin, 31. Oktober 2019
Freuten sich über ein erfolgreiches Projekt: Ehemalige Teilnehmende und Projektbeteiligte vor dem renovierten Forstschreiberhaus.
Freuten sich über ein erfolgreiches Projekt im Wald: Ehemalige Teilnehmer und Projektbeteiligte vor dem renovierten Forstschreiberhaus.

Fehlende Perspektive

Der Landkreis Barnim, eine Region im Norden Berlins rund um die Kreisstadt Eberswalde, ist seit Jahren von einem tiefgreifenden demographischen Wandel betroffen. Der Niedergang vieler Unternehmen, der damit verbundene Wegzug von Fachkräften, der Rückbau sozialer Einrichtungen und ein starker Geburtenrückgang prägen die Region. Besonders für benachteiligte Jugendliche – Schulabbrecher, Abbrecher aus Lehrlingsausbildungen, Jugendliche mit persönlichen Einschränkungen oder Migrationshintergrund – bestanden kaum berufliche Perspektiven.

Perspektive Natur

Vor diesem Hintergrund entwickelten und starteten die Stiftung Waldwelten und die Allianz Umweltstiftung 2015 das Projekt "Lernort Natur", das benachteiligten jungen Menschen berufliche Perspektiven im Lebens- und Arbeitsort Wald eröffnen sollte. Denn Eberswalde ist auch ein traditioneller Forststandort, an dem bereits im 19. Jahrhundert eine Forstlehranstalt gegründet wurde. Heute befindet sich dort die Hochschule für nachhaltige Entwicklung, in deren Umfeld sich entsprechende Unternehmen erfolgreich entwickelt haben.

Lebens- und Arbeitsraum Wald

Das Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt "Lernort Natur" bot jungen Erwachsenen ohne Schulabschluss die Chance, im Lebens- und Arbeitsraum Wald Kompetenzen und Fachwissen zu erwerben. Über einen Zeitraum von jeweils einem Jahr lernten bis zu 10 Teilnehmende "grüne" Berufe kennen und konnten sich in Forstwirtschaft, Zimmerei, Tischlerei, sowie Garten- und Landschaftsbau bewähren. Dabei wurden sie von erfahrenen Handwerkern, Forstwirten und einem Sozialpädagogen in ihrer fachlichen und persönlichen Entwicklung begleitet. Neben handwerklichen Fertigkeiten trainierten die Teilnehmenden auch soziale Kompetenzen, was ihnen anschließend den Berufseinstieg erleichtern sollte.

Die "Einsatzgebiete" der Teilnehmenden waren ein 145 Hektar großes Waldstück, ein historisches Forstschreiberhaus und der Forstbotanische Garten Eberswalde. Forstschreiberhaus und Wald wurden von der im Bereich Umweltbildung und Waldforschung aktiven Stiftung WaldWelten zur Verfügung gestellt, der Forstbotanische Garten von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung. Durch Kooperation mit lokalen und regionalen Betrieben, der IHK, dem Unternehmerverband Barnim e.V. und dem Jobcenter Barnim versuchte das Projektteam, den Jugendlichen einen direkten Übergang in eine feste Anstellung oder eine Lehrstelle zu vermitteln.

Forstarbeiten und Sprachkurse

Das Projekt wurde in den Jahren 2015 – 2019 durchgeführt und dauerte jeweils von Oktober bis September. Unter anderem führten die Teilnehmenden unterschiedlichste Arbeiten bei der denkmalgerechten Sanierung des historischen Forstschreiberhauses aus, waren an Wegebauarbeiten im Forstbotanischen Garten und Pflanzungen sowie Pflegemaßnahmen im Stiftungswald beteiligt. Auch ein Kettensägekurs und ein Lehmbauworkshop standen auf dem Programm.

Die praktischen Tätigkeiten wurden durch Unterrichtseinheiten zur Vermittlung von theoretischem Wissen zu den vier Berufsfeldern und Grundlagenwissen wie z. B. Mathematik ergänzt. Da im ersten Jahrgang auch Geflüchtete aus Somalia und Eritrea am Projekt teilnahmen, wurde das Ausbildungsprogramm um regelmäßige Sprachkurse erweitert.

Schulabbrecher und Geflüchtete

Die Teilnehmenden waren Schulabbrecher, Abbrecher von Lehrlingsausbildungen, Jugendliche mit Migrationshintergrund oder psychischen Problemen. Insgesamt haben 59 Jugendliche im Alter zwischen 18 und 30 Jahren das Projekt begonnen. 19 Teilnehmende haben im Verlauf des jeweiligen Projektjahres aus unterschiedlichsten Gründen abgebrochen. Von den übrigen 40 Teilnehmenden sind anschließend sechs wieder zur Schule gegangen, um ihren Schulabschluss nachzuholen, vier haben eine Ausbildung begonnen, elf gehen einer geregelten Tätigkeit nach und vier stehen dem Arbeitsmarkt wg. Mutterschutz oder Elternzeit vorübergehend nicht zur Verfügung. 9 Teilnehmende konnten trotz umfangreicher Bemühungen nicht in einen geregelten Arbeitsalltag integriert werden, zu 6 Teilnehmenden ist der Kontakt abgebrochen.

Insgesamt haben also über 50 Prozent der regulären 40 Teilnehmenden das Projekt erfolgreich abgeschlossen und den Weg in eine Ausbildung oder auf den ersten Arbeitsmarkt gefunden.

Großer Erfolg und Folgeprojekt

Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, war von den Ergebnissen des Projektes beeindruckt: "Das Projekt Perspektive Natur zeigte den Teilnehmern Perspektiven für eine eigene, verantwortungsvolle Lebensgestaltung auf. Dass dies bei der Mehrheit der Teilnehmer zu einer erfolgreichen Vermittlung in Ausbildung oder Beruf geführt hat, ist ein Riesenerfolg," so Spandau.

Auch Prof. Dr. Harald Schill, Präsident der Stiftung WaldWelten, freute sich über den erfolgreichen Abschluss des Projektes und dankte besonders der Allianz Umweltstiftung. Denn erst durch deren inhaltlichen Beitrag sei die konkrete Ausrichtung des Projektes erfolgt und durch ihren finanziellen Beitrag die umfangreiche sozialpädagogische Betreuung möglich geworden.

Schill berichtete auch über ein umfangreiches Folgeprojekt, bei dem das Team der Stiftung WaldWelten mit Kita- und Grundschulkindern sowie junge Erwachsenen aus sozioökonomische benachteiligten Familien unterschiedlichste Maßnahmen und Projekte zur Verbesserung der Artenvielfalt im Umfeld von Wohnblocks entwickeln und umsetzen wird. Das Projekt "Perspektive Natur" sei dafür die Blaupause gewesen und habe wichtige Impulse für die Entwicklung des neuen Vorhabens gegeben.