Zerstört unser täglich Brot die Umwelt?

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In den 21. Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung am 4. und 5. Mai 2017 ging es um die Zukunft der Landwirtschaft. Was sollte da schon Überraschendes für die 350 Teilnehmer zu erwarten sein? Wie sich dann zeigte: Die Menschheit ringt um nichts weniger als um ihre Zukunft.

Berlin, 10. Mai 2017

Diskutierten und referierten über die Zukunft des ländlichen Raumes (v.l.n.r.): Dr. Eike Wenzel (Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung), Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Haber (Prof. em. am Lehrstuhl für Landschaftsökologie der TU München), Dr. Moritz Spilker (Geschäftsführer AgroEnergy), Renate Künast (Bündnis 90 / Die Grünen), Christian Schmidt (Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft), Dr. Klaus Wehmeier (Kuratoriumsvorsitzender der Allianz Umweltstiftung), Dr. Lutz Spandau (Vorstand der Allianz Umweltstiftung), Pater Karl Geißinger (Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur im Kloster Benediktbeuern). (alle Fotos: Allianz Umweltstiftung / Klaus Primke).

 

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Wider die Arroganz der Metropolen

Seit dem Jahr 2008 lebt mehr als die Hälfte der Menschen auf der Welt in Städten. Leere Dörfer sind da keine ferne Vision mehr, obwohl in Deutschland noch rund eine Million Menschen in 270.000 Betrieben in der Landwirtschaft arbeitet und dabei rund 50 Milliarden Euro erwirtschaftet. Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, sieht eine Vertrauenskrise zwischen Erzeugern und Verbrauchern und erwartet gleichzeitig vom Staat mehr Schutz für die Umwelt.

Christian Schmidt, als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft einer der fünf eingeladenen Experten aus Politik und Wirtschaft, stellte gleich zu Beginn der Gespräche die entscheidende Frage: "2020 leben zehn Milliarden Menschen auf der Erde, andererseits soll die Landwirtschaft extensiv betrieben werden – wie soll das gehen?" Der Gegensatz von "wir haben es satt", gemünzt auf die konventionelle Landwirtschaft, und "wir machen satt" seitens der Bauernverbände funktioniere nicht mehr, man habe aufeinander zugehen. Die "Arroganz der Metropolen" gegenüber dem ländlichen Leben müsse aufhören. Die ländlichen Strukturen sollten durch moderne Infrastruktur wie zum Beispiel Breitbandkabel oder ärztliche Versorgung wieder für die Menschen attraktiver gemacht werden. Von den Verbrauchern erwartet er die Bereitschaft, mehr Geld für Qualität beim Essen auszugeben.

Bundesminister Christian Schmidt forderte, die ländlichen Strukturen durch moderne Infrastruktur und ärztliche Versorgung attraktiver zu machen.

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Landnutzung ist Naturzerstörung
Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Haber, ehemaliger Professor am Lehrstuhl für Landschaftsökologie der TU München, attestierte den Stadtmenschen Werte und Denkwelten, die in der "Liebe zur Natur" zum Ausdruck kämen, dem Wunsch nach einer Idylle ländlichen Lebens. "Die agrarwirtschaftliche Landnutzung ist aber grundsätzlich naturwidrig, und unser täglich Brot ist Umweltzerstörung." Als Ansatz schlug er vor, fruchtbare, ertragreiche Böden intensiv landwirtschaftlich zu nutzen und weniger wertvolle Böden unter Umweltschutz zu stellen.

Professor Dr. Dr. h. c. Wolfgang Haber: "Die agrarwirtschaftliche Landnutzung ist grundsätzlich naturwidrig".

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Stadtmenschen in der Verantwortung
Renate Künast, die frühere Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, sah ähnlich wie Bundesminister Schmidt die Verantwortung mehr bei den Menschen in den Städten. Dort finde der Raubbau an der Natur statt, deswegen müsse sich die Einstellung der Städter ändern – und das bedeute weniger Fleisch und mehr Qualität beim Essen. Dafür müsse der Verbraucher noch mehr Transparenz erhalten, was er einkaufe und von wo es stamme. "Qualität ist nicht ausschließlich eine Frage von Salmonellenfreiheit, sondern von Vielfalt." Lediglich drei Apfelsorten im Supermarkt, die das Sortiment dominierten und je nach Jahreszeit entweder vom Bodensee oder aus Südamerika kämen, seien mit ökologischen, saisonalen und regionalen Qualitätsansprüchen nicht vereinbar. "Wir könnten ein Vorbild für die Welt sein" – wenn wir uns diese Ansprüche zu eigen machen.

Treibhäuser des Wandels

Dr. Eike Wenzel, Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung in Heidelberg, sieht schon erste Ansätze einer Graswurzelbewegung in Metropolen wie Berlin, in der 20- bis 30-jährige "Foodies" sich sehr stark damit auseinandersetzen, was und wie sie essen. "Essen ist noch nie so politisch gewesen wie jetzt", konstatierte er. "Die Menschen glauben nicht mehr den Versprechungen der großen Lebensmittelindustrien, ihr Essen sei sicher und gut." Den gleichen hohen Anspruch an die Qualität von Lebensmitteln stellen auch die über 55-Jährigen.

Wenzel hat ein positives Bild der Städte und sieht sie als "Treibhäuser des Wandels", die sich seiner Meinung nach zu Produktionsorten für die Landwirtschaft entwickeln müssten. Die Digitalisierung als Megatrend sei geeignet, das Leben auf dem Land zu verändern. "Wir müssen von Airbnb und Uber lernen, wie wir die Menschen ansprechen können." Da sei die Bindung hoch, während sie für lokale Projekte, und sei es nur der Bau einer Mehrzweckhalle, dramatisch abgenommen habe.

Podiumsdiskussion mit Dr. Moritz Spilker, Renate Künast, Dr. Lutz Spandau, Prof. Dr. Dr. h c. Wolfgang Haber und Dr. Eike Wenzel (v. l.).

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Digitalisierung als Chance

Mit Digitalisierung in der Landwirtschaft konnte auch Dr. Moritz Spilker, Geschäftsführer von AgroEnergy in Hamburg, die Zuhörer überraschen. Seine Firma investiert in landwirtschaftliche Betriebe in den neuen Ländern und hat zum Ziel, sie zu profitablen Unternehmen zu entwickeln, etwa mithilfe von "Microfarming". Mit Sensoren könne ein Traktor erkennen, ob eine Ähre dicker oder dünner sei, die Software merke sich den genauen Ort im Boden, und beim nächsten Düngen werde die Stelle mit der dünnen Ähre berücksichtigt, die andere nicht. Mit GPS-Daten fahre der Traktor auch anders. Zunächst werde das Feld vermessen, und dann die optimale Fahrt berechnet. "Das bringt pro Hektar zwischen zehn und 20 Prozent mehr Ertrag und hilft der Umwelt." Ein landwirtschaftlicher Betrieb in Westdeutschland mit durchschnittlich 44 Hektar könne die Investitionen für diese Technologien aber nicht mehr aufbringen und habe, so Spilker, daher eher den Charakter eines Schrebergartens.

Das Leben auf dem Land, wie wir es vor hundert Jahren kannten, sei vorbei, so Lutz Spandau von der Allianz Umweltstiftung. Um zehn Milliarden Menschen im Jahr 2020 möglichst ressourcenschonend ernähren zu können, fordert Renate Künast, anders zu produzieren, anders zu transportieren, anders zu konsumieren und anders zu wohnen. Und hinter diesem Perspektivenwechsel, zog Dr. Lutz Spandau das Fazit für die 21. Benediktbeurer Gespräche, müsse die ganze Gesellschaft stehen.

Text: Ralf Rippin, Allianz Deutschland