Allianz Umweltstiftung spricht über Zukunft des Tourismus

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Allianz - bb2002kk

"Schneizlreuth statt Ballermann – wie sehen Urlaub und Freizeit in Zukunft aus?" lautete das Thema der sechsten Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung. Die Podiumsteilnehmer zeigten aktuelle Trends auf sowie Kritik an und Standpunkte von Touristikunternehmen.

Benediktbeuern, 13. Mai 2002

Schneizlreuth – um eine vielgestellte Frage vorweg zu beantworten – ist ein kleiner Ferienort im oberbayerischen Berchtesgadener Land und symbolisiert in seiner Stille und Nähe einen Gegenpol zum berühmten "Ballermann" auf Mallorca.

In einer ähnlich idyllischen Umgebung wie Schneizlreuth, nämlich im Kloster Benediktbeuern, veranstaltete die Allianz Umweltstiftung am 3. Mai 2002 zum sechsten Mal das Symposium "Benediktbeurer Gespräche" – mit mehr Zuspruch denn je: 340 Teilnehmer passten mit Mühe in den Allianz Saal im Meierhof des Klosters, der Barocksaal war, wie schon im Vorjahr, zu klein.

Über Urlaub und Freizeit der Zukunft referierten und diskutieren dieses Jahr Peter Wippermann, Trendforscher aus Hamburg, Michael Iwand, Leiter des Umweltmanagements der Preussag AG/TUI, Marc Girardelli, ehemaliger Skirennläufer und geschäftsführender Vorstand des Alpincenters in Bottrop sowie Christine Plüss vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung in Basel. Die Einführung und Moderation übernahm, wie gewohnt, der Vorstand der Allianz Umweltstiftung Lutz Spandau.

Auftaktveranstaltung: Zwerggänse und Lieder

Bereits am Vorabend hatte Wolfgang Scholze, Umweltreferent des Deutschen Aero-Clubs, im Rahmen der abendlichen Festveranstaltung von seinem Projekt zum Schutz der Zwerggans berichtet.

Beim anschließenden "anderen Liederabend" trugen die Sängerin Salomé Kammer und der Pianist Rudi Spring Lieder von Hanns Eisler, Leonard Bernstein, Benjamin Britten sowie eigene Werke vor, darunter die vielbeklatsche Vertonung der Satzung der Allianz Umweltstiftung.

Umwelt: In Bezug auf Urlaub kaum Aktualität

"Bis zum Jahr 2020 werden den Arbeitnehmern in Deutschland 50 Prozent der Lebenszeit frei zur Verfügung stehen", prognostizierte Lutz Spandau in seiner Einführung.

"Umwelt hat im Zusammenhang mit Urlaubsreisen derzeit so gut wie keine Aktualität", zitierte er eine Studie des Bundesumweltministeriums. "Es ist vor allem die Furcht, dass umweltorientiertes Reisen mit einem Verlust an individueller Freiheit und Spaß verbunden ist." Andererseits seien zahlreiche Naturschutzprojekte, wie zum Beispiel zum Schutz der Wale, ohne Tourismus gar nicht denkbar.

Trends: Die "Ich AG"

Peter Wippermann, Trendforscher und Professor für Kommunikationsdesign aus Hamburg, stellte seine Ausführungen unter den Titel "Die Sehnsüchte und Ängste der Ich AG". Sinn und Orientierung würde heutzutage im wesentlichen durch persönliches Glück und Lebensgenuss gesucht.

Das zeigt sich auch in verschiedenen Urlaubstrends: Ob nun "Urlaub in der Kuschelgruppe", etwa einer festen Clique, Urlaub von den eigenen Kindern oder Extremurlaub mit maximalen Adrenalinschüben. Typisch für das Streben nach totaler Kontrolle des Urlaubserlebnisses sind künstliche Urlaubswelten und Erlebnisparks, die die europäische Geschichte "im Franchise-System" präsentieren.

"Im Süden" statt "Im Regen"

Michael Iwand von der TUI stellte dem überspitzten "Schneizlreuth statt Ballermann" ähnlich überspitzt entgegen: "'Kaufe, wo es am schönsten ist' statt 'Kaufe deutsch'". Wer das Klima durch Verzicht auf Fernreisen schützen wolle, müsse dann konsequenterweise auch für eine Reduktion der Exporte eintreten.

Natürlich bietet die TUI auch Urlaub in Bayern an. Seit etwa zehn Jahren überprüft sie ihre Unterkünfte – ob in Deutschland, auf Mallorca oder der Dominikanischen Republik – auch mit genauen Checklisten nach ökologischen Gesichtspunkten.

Allerdings steht beim Verbraucher das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit nicht im Vordergrund. Viele seien "geradezu preisgierige Schnäppchenjäger" und übersähen dabei andere Aspekte völlig. "Bis sich das nachhaltige Konsumverhalten im Tourismus durchsetzt, wird es noch dauern, vielleicht sogar Jahrzehnte", gab Iwand zu bedenken und schließt trotzdem mit der Hoffnung, dass es bald besser würde – "das hängt von uns selbst ab".

Im Sommer im Ruhrpott skilaufen

Der gebürtige Österreicher Marc Girardelli, fünffacher Weltcup-Gesamtsieger im Alpinski, stellte das größte Alpincenter der Welt vor, das er im Januar 2001 in Bottrop eröffnet hat. Dort ist auf künstlich erzeugtem Schnee das ganze Jahr über Skilaufen möglich – auf der 640 Meter langen und 30 Meter breiten Bahn haben bis zu 1200 Personen gleichzeitig Platz.

Die Ökobilanz des Zentrums ist besser als sich vermuten ließe: Mit vier bis fünf Millionen Kilowattstunden pro Jahr verbraucht es laut Girardelli weniger Strom als eine mittelgroße Bäderlandschaft. Erstaunlich, dass ein grüner Außenanstrich, damit sich der Bau besser in die Landschaft einfügt, ausgerechnet zu den Auflagen des Umweltministeriums gehörte – dadurch braucht die Anlage nämlich um 15 bis 20 Prozent mehr Strom als es bei einer reflektierenden Farbe der Fall gewesen wäre.

Rote Karte für den Tourismus

Christine Plüss vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung in Basel präsentierte die "Rote Karte für den Tourismus": Zum bevorstehenden Nachhaltigkeits-Gipfel in Johannesburg gibt der Arbeitskreis zehn Leitsätze und Forderungen für eine zukunftsfähige Entwicklung des Tourismus im 21. Jahrhundert aus.

Zu den Forderungen gehören die Überwindung der Armut durch Tourismus, die sanfte Mobilität, der Respekt und die Einbeziehung der Einheimischen, die Erhaltung der Artenvielfalt, umwelt- und menschengerechter Konsum und Handel sowie eine Politik, die die Menschenrechte und die Interessen künftiger Generationen berücksichtigt.

Sie richten sich nicht nur an die Politik und an die Tourismusunternehmen, sondern auch an jeden einzelnen Verbraucher. Bewusstes Reisen mit der Fernreise als seltenem Vergnügen und kritisches Einkaufen fair gehandelter Produkte könne der Beitrag jedes einzelnen sein.

Girardellis Alpincenter gefällt ihr, sieht sie doch in künstlichen Erlebniswelten in Europa eine Alternative zum Ferntourismus. "Warum muss Ballermann in Mallorca sein, und alle müssen hinfliegen? Die fahren nur hin, weil Ballermann in Mallorca ist, nicht, weil sie nach Mallorca wollen". Daher müssen man "Kunst-Ballermänner" in Europa bauen.

Hoffnung auf Erziehung

In der Diskussion herrschte weitgehend Einigkeit über die Ziele, aber wenig Klarheit über den Weg dorthin, wie Lutz Spandau zutreffend feststellte. Kundenforderungen und –boykotte zeigen Wirkung, auch darin ist man sich einig. Es lässt sich nur hoffen, dass die entsprechende Erziehung mittelfristig auch die Werte der Zielgruppen prägt und dadurch ihr Verhalten beeinflusst.

Julia Franke, AllianzGroup.com News