Gschwender Horn: Eine Schneise für die Natur

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Allianz - ski

Zum ersten Mal hat eine Gemeinde einen für den alpinen Skibetrieb erschlossenen Berg der Natur zurückgegeben: Immenstadt im Allgäu wagte das Experiment 1993 mit Unterstützung der Allianz Umweltstiftung. Die Bilanz kann sich sehen lassen.


München, 2. Mai 2005

Die Idee war keineswegs unumstritten. Als vor zwölf Jahren die Planungen für den Rückbau des Skigebiets am Gschwender Horn begannen, kam bei manchem Vertreter der Fremdenverkehrsbranche die Befürchtung auf, man könnte sich damit auf Dauer von einer potenziellen Einnahmequelle abschneiden: dem Skitourismus. Vorbilder, an denen man sich hätte orientieren können, gab es schließlich keine.

Den Anstoß zur Einstellung des Skibetriebs hatte die Natur gegeben: Durch eine Folge von schneearmen Wintern und dem dadurch bedingten Abwandern vieler Skifahrer in schneesicherere Gebiete war am Gschwender Horn schon seit Jahren kein wirklich rentabler Betrieb mehr möglich gewesen.

Eine Chance für ungewöhnliche Überlegungen, die zu anderen Zeiten wahrscheinlich kaum erörtert worden wären: Zusammen mit der Allianz Umweltstiftung entwickelte Immenstadt ein Konzept für den Abbau der gesamten Skiinfrastruktur, die Renaturierung der Pistenflächen und eine ökologisch verträgliche Folgenutzung.

Die Natur hatte gelitten

Vor dem Umbau gab es in dem Skigebiet zwei Schleppliftanlagen mit zusammen über zwei Kilometern Länge sowie einen transportablen Übungslift. Vier Abfahrten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden von leicht bis schwer und eine Tourenabfahrt standen den Wintersportlern zur Verfügung. Insgesamt umfassten die präparierten Flächen etwa 40 Hektar.

"Die Natur hatte dort ziemlich gelitten", beschreibt Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, die Situation vor Beginn des Projekts.

Die einstige alpine Vegetation auf den Hängen war einem eintönigen Rasenbewuchs gewichen, die Schneeverdichtung durch Pistenraupen zur Saisonverlängerung hatten nur wenige Pflanzenarten überstanden. Einige Stellen waren durch Raupenketten und Skikanten sogar völlig freigelegt – Angriffspunkte für fortschreitende Erosion. Zudem erhöhten die in den Bergwald geschlagenen Lift- und Abfahrtsschneisen die Gefahr des Windbruchs ganz erheblich.

Rasche Regeneration

Zwischen 1994 und 1998 wurden dann die Lifte, Stützmasten, Fundamente und Gebäude abgebaut, mit Öl und Diesel belastete Böden entsorgt, die Pistenflächen rekultiviert und die in den Wald geschlagenen Schneisen mit standortgerechten Baumarten wie Buche, Bergahorn, Vogelbeere, Fichte und Weißtanne wieder aufgeforstet: alles in allem über 6.000 Bäume.

Heute ist von den Geländeeingriffen und den durch den Skibetrieb verursachten Schäden nichts mehr zu sehen. "Es war erstaunlich, wie schnell sich die Natur regeneriert hat", sagt Lutz Spandau. Auch heimische Tierarten wie Birk- und Auerhuhn, Reh und Gämse, die zuvor weitgehend aus dem Blickfeld verschwunden waren, sind an ihre alten Stammplätze zurückgekehrt.

Touristische Nutzung verbessert

Doch nicht nur aus ökologischer Sicht ist die Umstrukturierungsmaßnahme, die als eines der dezentralen Projekte auf der Expo 2000 in Hannover präsentiert wurde, ein voller Erfolg. Auch wirtschaftlich hat sich das Wagnis für die Region als lohnend erwiesen, schließlich ist das Geschwender Horn mittlerweile wieder zu einem attraktiven Ausflugsziel geworden. Die Befürchtung mancher Touristikmanager, die Gäste könnten ausbleiben und um Immenstadt einen Bogen machen, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil.

"Natürlich hat sich das Publikum verändert ", räumt Projektmanager Peter Wilde von der Umweltstiftung ein. "Doch die Möglichkeiten der touristischen Nutzung haben sich deutlich verbessert." Statt nur Piste rauf und Piste runter biete das Naherholungsgebiet nun die Kulisse für Skitourengänger und Schneewanderer.

Auch im Sommer ruft der Berg. Und immer mehr Wanderer und Mountainbiker folgen. Das gegenüber früher deutlich ausgedünnte Wegenetz erfüllt die ihm zugedachte Lenkungs- und Bündelungsfunktion und ist so angelegt, dass Pflanzen- und Tierwelt möglichst wenig belastet werden.

Zeichen gesetzt

"Wir haben hier wirklich Zeichen gesetzt ", sagt Spandau. Und nicht nur er: Auch das Bundesamt für Naturschutz stellt dem Projekt ein hervorragendes Zeugnis aus, ist es doch ein Beispiel dafür, wie zwischen unterschiedlichen Interessen – und die liegen bei Fremdenverkehr, Alpwirtschaft, Jagd, Forstwirtschaft und Naturschutz nicht unbedingt nah beieinander – ein Ausgleich erzielt werden kann.

Im Nachhinein, meint Stiftungschef Spandau, wäre vielleicht sogar noch mehr zu erreichen gewesen: Statt nur die Schneisen aufzuforsten, hätte man den ganzen Berg – fast nur mit Fichten bewachsen – ruhig mit Tanne, Buche, Weißerle und Esche durchmischen sollen. Das wäre ein Punkt, den man in Zukunft bedenken könnte.

Derzeit freilich sieht es eher nicht danach aus, als würde das Beispiel Schule machen: Bis heute ist Immenstadt der einzige Alpenort geblieben, der sich derart radikal umorientiert hat. Den Immenstädtern selbst kann’s nur recht sein – der Rückbau des Skigebiets und die Hinwendung zum sanften Tourismus hat ihre Gemeinde übers Allgäu hinaus bekannt gemacht. Kein Zweifel: Für sie hat sich der Weg zurück zur Natur als Glücksgriff erwiesen.

Dieser Artikel erschien im Mitarbeitermagazin "Allianz Journal" vom April 2005.