10. Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung

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Begriffe wie Heimat und die Suche nach Identität haben Konjunktur. "In der Welt zu Hause, aber wo daheim?" war das Thema bei den diesjährigen Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung. Es ging um Ängste und Hoffnungen, es ging um Orientierung und um die Rolle des Staates dabei.

Bendiktbeuern, 23. Juni 2006

Die Deutschen sind Exportweltmeister, und wie kein anderes Volk reisen sie durch aller Herren Länder, doch als Weltbürger verstehen sie sich deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Je weiter die Globalisierung voranschreitet, desto tiefer scheinen sie sich auf ihrer Scholle eingraben zu wollen.

Töpfer: Vielfalt geht verloren

Als einer, der ein ganz besonders Verhältnis zu dem Thema hat, wies Klaus Töpfer, bis zum Frühjahr dieses Jahres Exekutiv-Direktor des UN-Umweltprogramms in Nairobi, auf die möglichen Folgen einer ungezügelten Globalisierung hin: Verlust an Vielfalt. Vielfalt in der Architektur, in den Medien, in Kultur und Umwelt.

Eine Entwicklung, die seiner Ansicht nach mehr gefährdet als Facettenreichtum und Buntheit in der Welt. Wo Globalisierung in Beliebigkeit und Gleichmacherei umzuschlagen droht und die Identität von Regionen und Menschen verloren geht, so seine Überzeugung, gerät die Stabilität der Gesellschaft selbst in Gefahr. "Damit", so Töpfer, "würden wir die Grundlagen der Globalisierung in Frage stellen."

Stolte: Jeder braucht Bezugspunkt

Auch Dieter Stolte, Vorsitzender des Kuratoriums der Allianz Umweltstiftung, warnte vor dem Verlust von Heimat: Es gebe keinen "globalen Menschen", vielmehr brauche jeder einen konkreten Bezugspunkt im Leben, auf den er sich zurückziehen könne, und wo ihm Familie und Freunde, wo ihm Sprache, Geschichte, Religion und Kultur Orientierung böten.

"Um die Herausforderungen der Gegenwart als Bereicherung zu erfahren, bedarf es Nähe und Überschaubarkeit der Beziehungen", so der frühere Intendant des ZDF. Wer den Bogen überspanne, beschwöre eine nationalistische Abwehrreaktion herauf.

Globalisierung braucht ein menschliches Gesicht

Eine Gefahr, auf die auch der Präsident des Bundesamtes für Naturschutz, Hartmut Vogtmann, hinwies. "Wir müssen uns davor hüten, Heimat als Kampfbegriff gegen die Globalisierung ins Feld zu führen", betonte der Umweltexperte. Statt dessen will sie Vogtmann in Beziehung zueinander setzen: "Globalisierung", sagt er, "braucht regionale Wurzeln, sie braucht ein menschliches Gesicht." So verstanden sei Heimat durchaus eine Chance.

Während es hierzulande vorrangig um die geistige und emotionale Heimat geht, droht Menschen in anderen Regionen der Welt inzwischen der ganz reale Verlust des angestammten Siedlungsraums. In Brasilien zum Beispiel oder auch in Nord- und Südafrika, so Vogtmann, habe der Klimawandel inzwischen zu einem massiven Rückgang der Niederschläge, zur Verschiebung von Vegetationszonen und zur Abnahme der Artenvielfalt geführt.

Diese Entwicklung werde Menschen zwingen, abzuwandern. Von daher spiele auch der Naturschutz in der Diskussion um die Bedeutung von Heimat und Herkunft eine wichtige Rolle.

Heise: Deutschland profitiert von Globalisierung

Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Gruppe, ging das Thema in Benediktbeuern von der ökonomischen Warte aus an. Und da sieht er gerade Deutschland in einer überaus vorteilhaften Position. Angesichts der positiven Auswirkungen ist die Kritik an der Internationalisierung der Wirtschaft hierzulande für ihn nicht recht nachvollziehbar: "Deutschland profitiert ganz erheblich davon."

Zwar stellte Heise die bedrohlichen Begleiterscheinungen der Globalisierung wie unsicherere Arbeitsplätze, höherer Leistungsdruck und Schwund an Zukunftsgewissheit nicht generell in Abrede. Doch für den Exportweltmeister Deutschland würden die Vorteile überwiegen. Die Eröffnung neuer Absatzmärkte direkt vor der Haustür und die Möglichkeit billigerer Produktion im Ausland habe Arbeitsplätze hierzulande eher sicherer gemacht als sie gefährdet.

Die Probleme Deutschlands sind nach Heises Ansicht hausgemacht und nicht der Internationalisierung zuzuschreiben.

Was kann die Politik bewirken?

Die These jedenfalls, wonach nationale Wirtschaftspolitik in Zeiten der Globalisierung kaum noch etwas bewirken könne, ließ Heise nicht gelten. Irland, Anfang der 90er Jahre noch das Armenhaus Europas, zeige, dass aktive Standortpolitik durchaus Möglichkeiten eröffne: "Inzwischen hat es Deutschland beim Einkommens- und Wohlstandsniveau überrundet."

Klaus Töpfer warf an dieser Stelle die Frage auf, ob die Vorteile, die vor allem die Industriestaaten aus der Globalisierung ziehen, nicht zu Lasten anderer Länder gehen. Um das Entstehen großer Gruppen von Globalisierungsverlierern zu verhindern und um unter Druck geratende soziale und ökologische Standards aufrechtzuerhalten, plädierte der CDU-Politiker für staatliche Eingriffe in das Spiel der Kräfte.

Auch wenn seine Einschätzung der Möglichkeiten von Politik nicht allzu optimistisch klang – "Wir reden über globale Energie- und Steuerpolitik und kriegen sie nicht mal in Europa hin" –, so sieht er doch offenbar keine brauchbare Alternative: "Wir werden eine stärkere Rolle des Staates erleben."

Hackl: Demokratie braucht mündige Bürger

Einer, der Heimatverbundenheit und Internationalität schon immer unter einen Hut zu bringen vermochte, ist Georg Hackl. Den Watzmann vor der Haustür, gibt es für Deutschlands erfolgreichsten Rennrodler kaum einen Platz in der Welt, an dem er lieber sein würde. "Man kann sicher auch woanders leben", meinte der 39-Jährige in Benediktbeuern, "aber es wäre ein großer Verlust." Dem häufig beklagten Gefühl, zum Treibgut der Globalisierung zu werden, überrollt von Entwicklungen, die sich dem Einfluss des einzelnen entziehen, setzt Hackl bürgerschaftliches Engagement entgegen.

"Ich würde mir wünschen, dass sich mehr beteiligen", sagte der vielfache Europameister, Weltmeister und Olympiasieger, der seit 2002 für die CSU im Kreistag Berchtesgadener Land sitzt. "Demokratie braucht mündige Bürger."

Bezugspunkt: Nation oder Region?

Dass dabei ein gesundes Nationalbewusstsein kein Hindernis für Weltoffenheit und Toleranz ist, weiß der Bayer aus zahllosen internationalen Begegnungen. "Der Mensch braucht einen Identifikationspunkt", ist er überzeugt.

Was den angeht, macht er bei seinen Landsleuten freilich noch Defizite aus: "Jede andere Nation hat ein besseres Wir-Gefühl als die Deutschen", findet er. Anders als Amerikaner zum Beispiel würde man sich hier statt dem Land als Ganzem zuerst einer bestimmten Region verbunden fühlen. "Typisch deutsch", sagt Hackl.

Dass Regionen und Länder generell an Bedeutung gewinnen, zeichnet sich aber auch anderswo ab. Eine Entwicklung, die – so paradox das klingen mag – der für die internationale Staatengemeinschaft durchaus von Vorteil sein könnte. "Die EU täte sicher gut daran, wenn sie der Autonomie der Regionen größeres Gewicht einräumen würde", ist Chefvolkswirt Heise überzeugt.

Andernfalls, warnt Klaus Töpfer, könnte die Globalisierung in ihr Gegenteil umschlagen: "Entsteht der Eindruck, dass nicht mehr der eigene Staat über die Belange seiner Bürger entscheidet, sondern weit entfernte Gremien, droht eine drastische Krise der Demokratie."

Zehn Jahre Benediktbeurer Gespräche

Seit 1997 veranstaltet die Allianz Umweltstiftung im Kloster Benediktbeuern die "Benediktbeurer Gespräche". Anfangs ein Geheimtipp, ziehen die Symposien inzwischen jedes Jahr mehrere Hundert Gäste in das oberbayerische Idyll.

Ziel der Foren ist es, die gesellschaftliche Auseinandersetzung über aktuelle Themen zu fördern, starre Konfrontationen aufzulösen und die umweltpolitische Diskussion zu versachlichen. So will die Umweltstiftung den Boden für eine nachhaltige Zukunft bereiten, "denn diese kann nur im kontinuierlichen gesellschaftlichen Lernprozess entstehen", sagt Stiftungsvorstand Lutz Spandau.

Dazu bringen die Organisatoren immer wieder eine überraschende Mischung von Persönlichkeiten aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Spektrums aufs Podium: Vom Rennrodler (Georg Hackl), Astronauten (Ulf Merbold) und Greenpeaceaktivisten (Thilo Bode), über das Skiass (Marc Girardelli), den Starkoch (Alfons Schubeck) und den DaimlerChrysler-Vorstand (Jürgen Hubbert) bis hin zum Klimaforscher (Hartmut Graßl), der Grünen-Chefin (Gunda Röstel) und dem Medienguru (Helmut Thoma) war schon alles vertreten.

Quelle: AllianzGroup.com News