Unterricht im Wald

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"Schulverwaldung" ist kein Rechtschreibfehler sondern ein Projekt, bei dem Freiburger Schulklassen eine Woche lang in einem städtischen Waldgebiet lernen und arbeiten. Mit dem Preisgeld, das Freiburg im Breisgau als Deutschlands nachhaltigste Großstadt von der Allianz Umweltstiftung gewonnen hat, kann das Schulprojekt nun drei weitere Jahre fortgesetzt werden.

Freiburg/Berlin, 26. September 2013

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Freuten sich über das Preisgeld für die "Schulverwaldung" (hinten v.l.n.r.): Hans-Jürgen Muri (Leiter der Emil-Thoma-Realschule), Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik, Dr. Lutz Spandau (Vorstand der Allianz Umweltstiftung), Freiburgs OB Dieter Salomon und Waldhaus-Mitarbeiter Philipp Gottwald (Foto: Thomas Kunz).

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Schulalltag bei Wind und Wetter

Fußmärsche bei Wind und Wetter durch den Wald, körperliche Arbeit mit Axt und Säge, danach Kochen am Lagerfeuer, und vom Baum weht ein Blatt in die Suppe – solche Erlebnisse sind ungewöhnlich im Schulalltag. Es sei denn, man beteiligt sich am Freiburger Projekt "Schulverwaldung".

Seit Frühjahr 2011 besteht das Projekt und seitdem wurden im Freiburger Sternwald 30 Projektwochen abgehalten. Insgesamt haben über 600 Schülerinnen und Schüler jeweils eine Woche lang im Wald gearbeitet und gelernt. Nun ist die Stiftung Waldhaus, die hinter der "Schulverwaldung" steht, in der Lage, das erfolgreiche Projekt für weitere drei Jahre anzubieten. Und das wurde am vergangenen Montag gebührend gewürdigt.


Preisgeld von der Allianz Umweltstiftung

Im Dezember 2012 hatte Freiburg den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Städte und Gemeinden in der Kategorie "Nachhaltigste Großstadt" gewonnen, der mit 35.000 Euro dotiert ist. Den entsprechenden Scheck hat Lutz Spandau, Vorstand der Allianz-Umweltstiftung, die das Preisgeld gestiftet hat, gestern im Schulwald symbolisch der Stiftung Waldhaus überreicht, die damit das Projekt Schulverwaldung finanzieren wird.

Dabei sagte Spandau: "Freiburg hat diesen Preis für sein vorbildliches, fest in den Verwaltungsfunktionen verankertes Nachhaltigkeitsmanagement und das große zivilgesellschaftliche Engagement in der Stadt erhalten. Ich bin zuversichtlich, dass die Fördermittel der Allianz-Umweltstiftung einen wichtigen Beitrag zur Verstetigung dieses vielversprechenden Projektes leisten werden."

Zur rechten Zeit

Entgegengenommen wurde der Scheck von Oberbürgermeister Dieter Salomon und Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik. Salomon betonte: "Nach intensiver Prüfung möglicher Projekte hat die Stadtverwaltung entschieden, das Preisgeld für die Schulverwaldung einzusetzen. Es kommt hier zur richtigen Zeit, weil just in diesem Herbst die Initialförderung des Projekts durch den Innovationsfonds für Klima- und Wasserschutz der Badenova AG endet."

Stuchlik, die auch der Stiftung Waldhaus vorsitzt, erinnerte daran, dass die Schulverwaldung für ihren innovativen Ansatz bereits von der Unesco-Kommission als Projekt der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" prämiert worden war: "Hier wird nicht zusätzlich zum Lehrplan etwas über Natur und Umwelt gelernt. Hier werden beim Leben und Arbeiten im Wald Inhalte aus den Bildungsplänen für die unterschiedlichsten Unterrichtsfächer anhand der natürlichen Begebenheiten selbst erarbeitet und erfahren."

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Unterricht einmal anders: Baumstämme schleppen.

Ohne Weichspüler

Dabei kommt das Projekt ganz ohne pädagogische Weichspüler aus. Seine Grundidee ist simpel: Eine Woche lang dürfen Schulklassen ganztägig im Schulwald, der zum Forstrevier Waldsee gehört, lernen. Dieses "Lernen" reicht vom Bildungsplan bis zur Selbstorganisation und zum Zurechtfinden in der Gruppe wie in der Natur. Großer Wert wird auf die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler gelegt, und zwar explizit in einem "schwierigen" Alter: 8. Klasse, Pubertät – da machen manche Pädagogen gerne einen Bogen drum, für diesen Alterskreis gibt es nicht viele spezifische Angebote.

Sozial weit gefächert

Hinzu kommt, dass die Schulverwaldung, die der Forstwirt und heutige Waldhaus-Mitarbeiter Philipp Gottwald vor knapp drei Jahren angestoßen hatte, eine sozial weitgefächerte Zielgruppe erreichen will. Insbesondere Schulklassen mit zahlreichen Jugendlichen aus nicht-akademischen Elternhäusern, bei denen die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit nicht stark platziert sind, nehmen am Projekt teil.

Schülerinnen und Schüler, die sich bisher vom Aufenthalt im Wald keine Erweiterung ihres Horizonts versprochen hatten, erlernen nun ganz neue Fähigkeiten. Sie handeln gemeinsam, aber doch selbständig. Planen voraus, beurteilen Entwicklungen, erkennen Risiken. Die praktische Arbeit im Wald stellt Bildungsplaninhalte aus unterschiedlichsten Fächern in einen konkreten Zusammenhang und macht sie erlebbar.

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Wichtige Aufgabe: Das Versorgungsteam bei der Arbeit, ...

Teamarbeit im Wald

Im Wald sieht das dann so aus: Im Frühjahr 2011 stellt das Forstrevier Waldsee der Schulverwaldung eine kleine Lichtung am Hang als "Basislager" zur Verfügung, mit einem betagten Bauwagen für Material und als Unterschlupf. In den ersten Projektwochen beginnen die Schülerinnen und Schüler mit dem Aufbau der "Infrastruktur", die bald aus einer Outdoor-Küche, einem mobilem Waldbüro und einer Werkstatt besteht.

Dadurch können sich die Jugendlichen jeweils in drei Teams organisieren und folgende Themenbereiche parallel bearbeiten:

  • Handwerk: den Wald nach den Kriterien der Nachhaltigkeit bewirtschaften und am Ende ein vermarktbares Produkt herstellen.
  • Versorgung: Mahlzeiten nach den Kriterien saisonal, regional, ökologisch planen und kochen; Feuer machen, Brennholz gewinnen, Einkauf, Lagerhaltung, Kassenführung, Ernährungswissenschaft.
  • Dokumentation: im Waldbüro entstehen Wochenberichte, Kurzfilme, Texte für Stellwände, Bildergeschichten und Pressemitteilungen.

Vom Regenunterstand bis zur BMX-Bahn

In den 30 Projektwochen seither kam allerlei zusammen: Die Schüler errichteten einen Regenunterstand, bauten Sitzbänke, einen Lehmofen, einen Brunnen, einen Unterstand für Brennholz, aber auch Fußballtore für einen Schulhof. Sie gewannen Schmuckreisig, verkauften Waldprodukte auf einem Markt, errichteten einen Bienenstand für einen Imker und pflanzen Kirschbäume. Sie vermarkteten Nistkästen und Vogelhäuser, konstruierten Sägeböcke, Sitzgruppen, zuletzt gar eine BMX-Bahn.

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... denn Waldarbeit macht hungrig.

Von der Skepsis zum Selbstvertrauen

Beim gestrigen Termin berichteteten auch Lehrkräfte und Projektleiter von ihren Erfahrungen mit der Schulverwaldung. Zu Beginn einer Projektwoche stehen demnach viele Schüler dem Lernen im Wald skeptisch gegenüber. Die Natur ist vielen Jugendlichen in diesem Alter fern, die Vorstellung, eine Woche bei jedem Wetter im Wald zu verbringen, häufig befremdend. Vielfach werden auch Ängste laut, vor Insekten, Regen, Kälte oder davor "sich schmutzig machen". Der 20-minütige Morgenmarsch durch den Wald ist ungewohnt und die körperliche Arbeit mit Äxten oder das Kochen am Lagerfeuer hart.

Nach einer Eingewöhnungszeit platzt aber spätestens in der Mitte der Woche bei den meisten Schülerinnen und Schülern der Knoten. Berührungsängste mit der Natur verschwinden, die ersten Ergebnisse der Arbeiten geben Selbstvertrauen, das Kochen am Lagerfeuer wird zu einer lieben Gewohnheit. Die Erfahrung von Teamgeist führt zu einer guten Stimmung in der Gruppe und einem besseren Miteinander. Gerade Schüler, die im Unterricht nicht so gute Noten erzielen, können sich durch die Arbeit im Wald bewähren, am konkreten Beispiel lernen und Selbstvertrauen gewinnen.

Meistens ausgebucht

Entsprechend stößt das Projekt bei Lehrerinnen und Lehrern auf großes Interesse. Stets ist es ein halbes Jahr im voraus ausgebucht. So vielfältig wie der "Unterrichtsplan" ist inzwischen auch das Spektrum der bislang über 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie kommen aus Förderschulen, Werkrealschulen, Realschulen, freien Schulen, Gymnasien. Abgesehen von der Emil-Thoma-Realschule, die aufgrund der räumlichen Nähe offizielle Partnerschule ist und schon drei Mal mit allen achten Klassen teilgenommen hat, kommt der Großteil der Anfragen von Förder- und Werkrealschulen.

Den gestrigen Besuch im Schulwald nutzte Bürgermeisterin Stuchlik auch zum Dank an die Allianz-Umweltstiftung, den Innovationsfonds der Badenova, ohne den das Projekt nicht gestartet worden wäre, die Emil-Thoma-Realschule für die gute Zusammenarbeit und die Mitarbeitenden des Waldhauses für ihre überaus engagierte Arbeit.

Kleine Fotos: Philipp Gottwald